Was unser wertvolles
Yin schwächt
Der aus der chinesischen Philosophie des Daoismus stammende Begriff Yin steht für das Ruhende, die Stabilität und das Nährende, also die Substanz und Struktur. Yin kann ohne seinen Gegenpol - das Yang, welches Bewegung, Aktivität und Dynamik symbolisiert - nicht existieren. Beide Grundkräfte regulieren sich gegenseitig und stehen im Einklang miteinander. Kann keine Regulation der beiden Grundkräfte erfolgen, gerät unser System in ein Ungleichgewicht, welches in der Lehre der Traditionellen Chinesischen Medizin mit Krankheit gleichgesetzt wird.
In diesem Artikel lege ich den Fokus auf das Ungleichgewicht, welches aus Yin-Mangel resultiert. Der ein oder andere kennt die Entstehung dieser Dysbalance aus dem Sport. Sehr viel Bewegung ohne Ruhephasen führt zu Übertraining und anstatt des gewünschten Ziels, leistungsstärker zu werden, erreichen wir das Gegenteil - Leistungsabfall. Das Niveau sinkt sogar unter das Niveau zu Beginn des Trainings!
Was passiert in diesem speziellen Beispiel? Der Yang-Überschuss - die übertriebene Bewegung und Aktivität - hat unser Yin stark geschwächt. Der Yin-Anteil stellt aber unsere Basis, Struktur und Ruhe dar. Wenn dieser Teil verringert wird, verlieren wir unsere innere Mitte. So geht es vielen von uns nicht nur beim Sport, sondern auch im Alltag. Wie viele Menschen gibt es, die keine Zeit haben, vom Alltag erdrückt werden, sich wie auf der Flucht befinden und von einem Termin zum nächsten sprinten?
Yang steht auch für Feuer. Daher passt die Aussage, dass wir bei einem Zustand von Yang-Überschuss „ausbrennen“. Wer von uns kennt dieses Gefühl nicht? Neben dem klassischen Burnout und der dazugehörigen Erschöpfung können sich weitere Symptome entwickeln, so zum Beispiel Schlafstörungen, Migräne, Tinnitus, unregelmäßige Menstruation, häufige Infekte oder Entzündungen.
Zu den Yin-schwächenden Faktoren gehören die Schnelllebigkeit in der modernen Welt, kaltes Essen, die Erwartungen anderer Menschen, zu viele negative Gedanken, Zeitdruck und hormonelle Schwankungen. Für die Kräftigung des Yin und damit die Stärkung von Blut und Säften gibt es in der TCM einige hilfreiche Tipps wie warmes Essen, Bewegung in Maßen, Atemübungen, Meditation sowie Gi Gong.
Und nun gebe ich eine persönliche Empfehlung, gewachsen aus meinen Erfahrungen: Es ist die Abschaffung des Gedanken, perfekt sein zu müssen. Kontrolle über unser Leben und unser Verhalten schwächt das Yin, das Blut und die Säfte enorm. Die Kontrolle ist aber genau das, was wir Menschen in unseren Breitengraden so lieben. Wir meinen, dass wir glücklich sind, wenn alles perfekt ist. Es geschieht aber das Gegenteil, zumindest nach einer längeren Zeit!
Wenn wir permanent alles im Griff haben müssen, weil wir perfekt sein wollen, bedeutet dies das Ende der Lebendigkeit und Leichtigkeit. Lassen wir uns hingegen vom Leben bewegen und inspirieren und nehmen Dinge hin, stärken wir unser Yin und unsere innere Mitte. Denken wir doch einmal darüber nach, wann es aufgehört hat, dass wir das Leben lieben? Dass wir die kleinen und feinen Momente genießen können? Wann haben wir diese Leichtigkeit und Lebendigkeit durch Planung, Perfektionismus und Kontrolle und die dadurch entstehende Überforderung und Anspannung ersetzt?
Das Abstruse daran ist, dass wir jammern und dennoch DIESE Version des Lebens akzeptieren. Wir akzeptieren, dass die Leichtigkeit verloren gegangen ist! Wenn wir aufhören, Dinge zu stark zu forcieren, Menschen und Situationen zu kontrollieren, alles im Griff haben und perfekt sein zu wollen, dann wird die Leichtigkeit zurückkehren.
Vor Kurzem las ich einen passenden Spruch für Läufer: „Meine Fitnessuhr sagt mir zwar, dass mein Fettgehalt zu hoch ist und ich zu langsam laufe, aber ich laufe. Und ich laufe locker, leicht und vollkommen zufrieden.“ Das bringt es auf den Punkt. So ist es auch im Leben. Als langjährige Läuferin kann ich empfehlen, die Fitnessuhr beiseite zu legen, und das nicht nur beim Laufen.
Wir müssen nicht perfekt sein! Das macht uns menschlich und stärkt unser Yin. Die Kräftigung des Yin entsteht aus der puren Hingabe an das Leben.
Christina Hillenbrand